Vegan auf Umwegen: Warum es sich lohnt auf sein Herz zu hören

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Warum es sich lohnt auf sein Herz zu hören

Vegan auf Umwegen: Warum es sich lohnt auf sein Herz zu hören

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Ich bin auf dem Dorf groß geworden, wir hatten immer Tiere. Diese wurden auch geschlachtet und gegessen. Ich kannte es nicht anders, es war normal für mich und auch völlig okay. Als mein Kaninchen dann ebenfalls mit anderen unterm Schlachtmesser landete und mein Cousin mich damit ärgerte, empfand ich wohl das erste Mal die Grausamkeit, die hinter dem Schlachten und Töten von Tieren steht, seit diesem Tag wollte ich keine Kaninchen mehr essen. Mit 10 Jahren hatte ich leider noch nicht die Weitsicht, dass auch hinter jedem anderen Stück Fleisch ein liebenswertes, wertvolles Lebewesen steckt, welches genauso leben möchte.

Versuch über Versuch

Meine ersten Versuche fleischlos zu leben machte ich mit etwa 19 Jahren, stolze drei Wochen funktionierte das, dann kamen die alten Gewohnheiten. Ich war schlicht unselbstständig und uninformiert. Einige Jahre später, ich schätze es waren so ca. vier bis fünf Jahre, stieß ich auf das Thema „Vegan“. Eigentlich hatte ich nur nach einer vegetarischen Diät gesucht, denn ich wollte mein Gewicht in den Griff bekommen.

Was ich da lesen musste, machte mich traurig und wütend. Klar wusste ich, dass für meinen Fleischgenuss ein Lebewesen sterben muss, aber ich trug immer noch irgendwie diese „Bauernhofidylle“ vom glücklichen Tier und dem leidlosen Töten mit mir rum. Diese ganzen Infos ließen mein Bild im Kopf etwas bröckeln, also versuchte ich Hals über Kopf von heute auf morgen vegan zu leben. Und Trommelwirbel… fünf Wochen hielt ich diesmal durch.

Jetzt scheiterte es auch irgendwie an Unwissenheit, aber diesmal bezüglich der Lebensmittelauswahl sowie der offenbar nicht ausreichend verinnerlichten Tatsache, dass es diese „Bauernhofidyllle“ eben nicht gibt. Und naja, Sojamilch schmeckte grauenvoll, deftige Dips aus gesüßtem Sojajoghurt waren auch keine Offenbarung, nach fünf Wochen Gemüsepfanne, wechselnd mit Nudeln oder Reis, gab ich auf. Vegan, das konnte nur Verzicht und nicht gerade leckeres Essen bedeuten. Nebenbei begann mein Körper, zumindest erschien es mir so, auf Soja zu reagieren. Juckreiz, Magenprobleme, die volle Palette. (Heute weiß ich, dies tritt bei mir unter enormem Stress auf, den ich mir beim Umstieg selbst unnötig machte.) So wollt ich dann bei aller Tierliebe doch nicht leben.

Schicksalhafte Begegnungen

Wieder vergingen rund 2 Jahre, ich schrieb mich an der Abendschule Kassel ein, um meinen Realschulabschluss nachzuholen. In meiner Klasse war eine junge Frau, wenig jünger als ich mit meinen damals ca. 26/27 Jahren, sie lebte vegan und es wirkte bei ihr alles andere als stressig und voller Verzicht, im Gegenteil. Ihr Umgang mit dem Veganismus faszinierte mich und weckte meine Neugier. Ich löcherte sie mit Fragen, erzählte ihr von meinem missglückten Versuch. Sie gab mir Infos und Tipps, ich begann auch zu Hause mich nochmal tiefer zu informieren, stieß auf die Doku „Earthlings“ und ich saß heulend vor dem Rechner, konnte nicht fassen, was ich da sah.

Das hatte nichts mit dem Bild zu tun, das ich auch noch nach den ersten Vegan-Infos im Kopf hatte. Es war wirklich wie ein Schlag ins Gesicht und das nicht nur einmal. Ich suchte weiter, wusste jetzt schon besser wonach ich suchen musste, fand weitere Videos, Websites, Rezepte und vieles mehr. Das alles ließ die Hoffnung in mir erwachen, diesmal muss das auch bei mir so klappen wie bei meiner Klassenkameradin.

Immer noch etwas „geschädigt“ vom missglückten Versuch beschloss ich diesmal den Schritt über vegetarisch zu gehen, klar mit dem Ziel „ich will vegan werden“. Also los gings, das war etwa im Oktober/November 2011. Diesmal klappte es irgendwie erstaunlich gut, so fleischlos. Stück für Stück tastete ich mich an Milchalternativen heran, probierte hier und da, bis ich „meine“ Produkte gefunden hatte.

Nach und nach lernte ich dann, Facebook sei Dank, erste Veggies aus der Region kennen. Man besuchte die ersten Demos und Infostände und lernte noch mehr Menschen kennen. Gemeinsam mit ihnen wurde es direkt noch einfacher den veganen Weg zu beschreiten. Man tauschte sich aus, kochte gemeinsam, es war also doch nicht so unmöglich wie noch vor nicht allzu langer Zeit gedacht.

Etwas Kleines fehlte aber noch

Nach etwa fünf bis sechs Monaten lebte ich großteils vegan, mein größtes Problem stellte jedoch, zumindest dachte ich das, meine geliebte Schokolade dar. Hier hatte ich noch keine Alternative gefunden, das jedoch war mir wichtig. Ich traf mich an einem Tag mit einer veganen Bekannten zum Shoppen in einem neu entdeckten Biomarkt, dort gab es Reismilchschokolade, okay der Preis schockte, aber es wurde probiert und wow, es schmeckte sogar gut. Das war der Wendepunkt. Ich hatte alle „meine“ Lebensmittel gefunden, die mir wichtig waren, um den Umstieg zu machen und so kam es, dass ich an 22.3.2012 beschloss: ab jetzt vegan!

Veganerin durch und durch

Ich war eine glückliche Veganerin. Kochte und backte mittlerweile für mein Leben gern. Ich entwickelte sogar selbst Rezepte und fing an zu bloggen. Ich besuchte Demos, Mahnwachen, half bei Infoständen und Co mit. Ich fühlte mich so fit wie nie, war kaum mehr krank und nahm sogar an die 50 kg ab. Die Krönung war, dass ich sogar einen veganen Job in einer Tofufabrik fand. Eigentlich hätte es nicht besser laufen können.

Happy End?!

Leider nein. Ich schlidderte in eine ordentliche Lebens- und Identitätskrise. In meinem Ort und der nahen Umgebung stellten die Läden ihr Sortiment um, leider eher in eine vegan-unfreundlichere Richtung. Einkaufen entwickelte sich zu einem regelrechten Spießroutenlauf. Für einen Wocheneinkauf musste ich gern mal 30 km in ein großes Einkaufszentrum fahren.

Klar hätte man online bestellen können, aber aus welchen Gründen auch immer sah ich das nicht als Dauerlösung an. Ich begann mich einseitig zu ernähren, verlor den Spaß am Kochen, alles hing mir zum Halse raus. Ich begann an der veganen Lebensweise zu zweifeln, bedingt durch die völlig miese Ernährung oder genau genommen war das schon keine Ernährung mehr, was ich da betrieb, denn ich hab an manchen Tagen fast nichts mehr gegessen. Es begann mir schlecht zu gehen. Ich war müde, wurde kränklich, bekam regelmäßig Magenschmerzen usw.

Statt mal das Hirn anzuschalten, dass es an der Ausführung haperte, gab ich dem Veganismus die Schuld. Und zum endgültigen Übel verlor ich noch meinen Job. Die Lebenskrise war perfekt. Nach fast vier Jahren vegan kam der Punkt an dem ich beschloss: Das war’s, ich esse wieder „normal“. Das, was ich mir nie vorstellen konnte, klappte irgendwie erschreckend gut. Ich verdrängte alles, was ich je über Fleisch- und Milchproduktion wusste, verdrängte alles, was mich bewegte vegan zu leben.

Spinnt die? Und was hat das hier zu suchen?

Ja, doch, wenn ich meinen Weg mal selbst reflektiere, könnte ich den Kopf vor die Wand hauen. Und das für jeden Tag, an dem ich die Augen zugemacht habe, obwohl ich es besser wusste. Schon ca. drei bis vier Monate nachdem ich den „Teufel“ vegan abgelegt hatte, rotierte der Kopf wieder und im Herzen wusste ich: Das, was ich da tue, ist falsch und entgegen allem, was ich richtig finde. Und, oh Wunder… Es war nicht die erwartete Lösung allen Übels.

Klar, der Alltag war einfacher, aber das war’s dann auch schon. Meine Dauermüdigkeit blieb bestehen, ich glaube sie war sogar schlimmer, ich nahm wieder an Gewicht zu und das nicht wenig. Ich war träge und wurde öfter krank. Auch wenn das alles keine schönen Umstände sind, so war es gut so, dass sie so aufkamen, denn knapp ein Jahr nach dem „Rückfall“ sah ich ein:

Nicht der Veganismus ist das Problem, sondern mein Umgang damit.

Fast pünktlich zu meinem (theoretisch) fünften veganen Jahrestag beschloss ich wieder vegan zu leben und zwar mit der Einsicht: Veganismus ist so kompliziert, wie man es sich selbst macht.

Warum erzähl ich das?

Obwohl es für viele Veganer schlicht undenkbar ist, jemals wieder zurückzuschwenken, so gibt es sie doch. Diejenigen, die sich aus irgendwelchen Gründen schwer tun, egal ob es direkt beim Umstieg ist oder die wie ich nach Jahren der veganen Lebensweise plötzlich zweifeln, aus den verschiedensten Gründen. Genau jenen möchte ich sagen: Gebt nicht auf. Sucht das Problem nicht beim Veganismus, denn er ist es nicht.

Sprecht mit (veganen) Freunden, mit jemandem, der euch eventuell verstehen kann, der gegebenenfalls auch die „Probleme“ der veganen Lebensweise kennt und euch helfen kann. Aber auch den Veganern möchte ich sagen, wenn jemand mit Zweifeln und Problemen zu euch kommt und um Rat fragt, schiebt ihn nicht mit Unverständnis weg, sondern nehmt die Person an die Hand und versucht sie zu unterstützen, denn im Endeffekt geht es diesem Menschen dann gerade nicht anders als jenen, die gerade erst beginnen, den Weg zum Veganismus zu finden.

Fazit

Veganismus ist sicher nicht immer einfach, schon gar nicht in einer Welt, die auf das genaue Gegenteil ausgelegt ist. Doch wenn einem Herz und Kopf sagen, dass es der richtige Weg ist, dann geht ihn, auch wenn es mal schwer ist.

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